
Neurologie
Symptom sucht Ursache
Nervenschmerzen zwischen den Rippen belasten die Patienten stark. Es gibt unterschiedliche Auslöser
Zu Dr. Nehro Karim in die Praxis kommen immer wieder Patienten, die von anfallsartigen, heftigen Schmerzen im Brustkorb und gleichzeitiger Atemnot berichten. "Da denken sie gleich ans Schlimmste, etwa an Lungenkrebs oder einen Herzinfarkt", sagt der Münchner Allgemeinmediziner. Der Neurochirurg Dr. Matthias Schröder hat ähnliche Erfahrungen gemacht: "Die Patienten empfinden den Schmerz beim Atmen oft als vernichtend."
Zum Glück sind die Ängste meist ungerechtfertigt, und der Schmerz beruht auf einem ganz alltäglichen Auslöser. "Bei Frauen kann zum Beispiel ein zu enger BH die Ursache sein, dessen Metallbügel auf einen Zwischenrippennerv drückt" , erklärt Karim.
Die ziehenden oder stechenden Schmerzen treten im Brust- oder Rückenbereich entlang der Zwischenrippennerven auf und werden etwa durch Husten verstärkt. Mediziner sprechen von einer Interkostalneuralgie (lateinisch "inter" = zwischen; "costa" = Rippe). "Meist sind eine oder zwei benachbarte Nervenbahnen betroffen", berichtet Karim. "Der Schmerz lässt sich gut lokalisieren und durch Druck und Bewegung auslösen oder verstärken." Oft treten zusätzlich Missempfindungen, Gefühlsstörungen und Muskelverspannungen in den betroffenen Regionen auf.
Neben mechanischem Druck verursachen auch operative Eingriffe im Bereich des Brustkorbs häufig eine Interkostalneuralgie, ebenso Bandscheibenvorfälle, rheumatische Erkrankungen und Entzündungen, etwa bei Gürtelrose. Nach einem Zeckenbiss können sich die Nervenwurzeln ebenfalls entzünden.
Ernste Ursachen ausschließen
"Bei Patienten mit starken Schmerzen im Brustkorb vergewissern wir uns zunächst, dass keine Herzerkrankung und kein bösartiger Tumor dahinterstecken", sagt Schröder, in Mögliche Auslöser München niedergelassener Neurochirurg. Ein EKG und bildgebende Verfahren wie Ultraschall oder Computertomografie sorgen für Klarheit.
Manchmal leiden Patienten scheinbar grundlos an den quälenden Schmerzen. Für ganzheitlich orientierte Mediziner wie Nehro Karim lohnt sich in diesem Fall ein genauer Blick auf die inneren Organe: "Jeder Zwischenrippennerv steht mit einem bestimmten Organ in Verbindung - mit Lunge, Speiseröhre, Magen, Darm, Leber, Gallen- oder Harnblase", erläutert er. "Eines davon kann erkrankt sein, ohne dass sich schon Symptome bemerkbar machen. Der Schmerz im Bereich des zugehörigen Nervs macht auf das Problem aufmerksam." Halten die Schmerzen ohne erkennbaren Grund an, sollten sich Betroffene deshalb beim Arzt sorgfaItig untersuchen lassen.
Chronifizierung vermeiden
Dass die Ursachen für eine bestehende Interkostalneuralgie manchmal nur in langwierigen Ausschlussverfahren zu finden sind, heißt aber nicht, nichts zu tun. In jedem Fall gilt es nämlich, den Schmerz so schnell wie möglich an der Wurzel zu packen - da sind sich die Experten einig.
"Wenn jemand länger als drei bis sechs Monate Beschwerden hat, bildet sich ein Schmerzgedächtnis aus", betont Karim. "Der Schmerz bleibt dann, auch wenn seine Ursache längst behoben ist." Bei rund einem Drittel der Betroffenen wird der Schmerz auf diese Weise chronisch. "Dies gilt es mit allen Mitteln zu vermeiden", sagt Karim.
Matthias Schröder bestätigt: "Mit einer rechtzeitigen Therapie können wir in den meisten Fällen verhindern, dass sich ein Schmerzgedächtnis ausbildet." Dabei orientieren sich die Ärzte an Stärke und Dauer der Schmerzen. "Wir beginnen mit schmerz- und entzündungshemmenden Wirkstoffen", schildert Schröder. "Bei sehr starken Schmerzen verordnen wir zentral wirkende Opioide." Oft kombinieren Ärzte die Schmerzmittel mit anderen Medikamenten, etwa krampflösenden und muskelentspannenden Wirkstoffen. Länger anhaltende Nervenschmerzen sprechen zudem gut auf Antidepressiva und Antiepileptika an. "Auch mit Akupunktur lassen sich bisweilen gute Erfolge erzielen", sagt Karim. "B-Vitamine unterstützen die Regeneration geschädigter Nerven."
Den Schmerz wegspritzen
Treten die Schmerzen trotz medikamentöserTherapie immer wieder auf, spritzen Ärzte mithilfe bildgebender Verfahren lokal wirksame Betäubungsmittel und entzündungshemmende Kortikoide in die Umgebung der Nervenwurzeln. "Die Behandlung kann ambulant durchgeführt und bei Bedarf mehrfach wiederholt werden", sagt Schröder. Patienten, die auf keine Therapie ansprechen, kann man im Rahmen eines Klinikaufenthalts eine rückenmarks nahe Regionalanästhesie legen oder eine Medikamentenpumpe einsetzen, die ständig Schmerzmittel abgibt. "Es besteht auch die Möglichkeit, den betroffenen Nerv operativ zu entfernen oder zu veröden", sagt Schröder. "Allerdings ist dieser Eingriff nur sehr selten angebracht."
Barbara Kandler-Schmitt