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Wenn die Bandscheibe zum Problem wird

Das Kreuz mit dem Kreuz

Neurochirurg Dr. Matthias Schröder erklärt die wichtigsten Fragen zum Volksleiden Kreuzschmerz und Bandscheibenvorfall

Welche Ursachen hat der Kreuzschmerz?
Dr. Schröder: Die Lendenwirbelsäule ist einer großen Belastung ausgesetzt. Deshalb ist besonders dieser Wirbelsäulenabschnitt von Schmerzsyndromen betroffen. Die häufigste Ursache im jüngeren Lebensalter sowie bei körperlich anstrengenden Berufen sind Überlastungsprobleme der Muskulatur und des Weichteilgewebes sowie statische Fehlhaltungen. Mit zunehmendem Alter unterliegt die Wirbelsäule jedoch genauso wie die anderen Bestandteile des Skelettsystems einem chronischen Verschleißprozess. Dieser kann Wirbelgelenke und die beteiligten Band- und Weichteilstrukturen betreffen, der Bandscheibe fällt aber eine Schlüsselrolle zu. Auslöser sind meist mechanische Faktoren wie schweres Heben, Bück- oder Drehbewegungen, vorzugsweise nach längeren Anstrengungen. Während anfänglich die Schmerzen häufig nur gelegentlich in Erscheinung treten, werden sie oft im Verlauf häufiger und stärker. Der Übergang zum chronischen Rückenschmerz ist fließend, die Schmerzen bestehen auch in den Erholungsphasen. Spätestens dann ist professionelle Hilfe gefragt.

Wie häufig sind Kreuzschmerz- und Bandscheibenprobleme?
Dr. Schröder: Es handelt sich um ein echtes Volksleiden. Man schätzt, dass in den industrialisierten Ländern etwa 90 Prozent aller Menschen einmal in ihrem Leben an Kreuzschmerzen leiden. Fast jeder kennt in seinem Familien- und Bekanntenkreis Betroffene. Aufgrund der extremen biomechanischen Belastung ist die Lendenwirbelsäule am häufigsten betroffen. Für Betroffene kann bei unzureichender oder falscher Behandlung das Leben zur Qual werden, häufig treten Probleme am Arbeitsplatz oder Depressionen als Folgeerscheinung auf, die Probleme betreffen dann die ganze Familie.

Gibt es auch Ursachen des Kreuzschmerzes außerhalb der Wirbelsäule?
Dr. Schröder: Selten können von erkrankten Organen des benachbarten Bauchraumes (z.B. Nieren, Dünn-/Dickdarm, Bauchspeicheldrüse) ausgehende Schmerzen über das Nervensystem in den Lendenbereich ausstrahlen. Am häufigsten jedoch ist die Ursache im Bereich der Wirbelsäule selbst zu suchen.

Lässt sich von der Art des Schmerzes auf die Ursache schließen?
Dr. Schröder: Der von den Bandscheiben ausgehende Schmerz kann nur im Rücken zu spüren sein oder in die Beine ausstrahlen (Ischialgie). Durch verschleißbedingte Vorwölbungen der Bandscheiben oder Bandscheibenvorfälle können Nervenwurzeln und Bandstrukturen unter Druck geraten und einen charakteristischen Schmerz auslösen, der sich im Sitzen oft verschlechtert und sich typischerweise beim Husten und Pressen verstärkt. Die Nerven werden durch den Druck gereizt, die Schmerzausstrahlung erfolgt im Bereich der durch die betroffene Nervenwurzel versorgten Haut und Muskulatur. Die kleinen Wirbelgelenke können ebenfalls einen zunehmenden Verschleiß entwickeln, dieser Schmerz ist nur im Kreuz zu spüren und nimmt beim Sitzen und Vorneigen des Rumpfes typischerweise ab. Schmerzen durch einen zu engen Wirbelsäulenkanal verstärken sich unter Belastung und strahlen dann in die Beine aus, oft können Betroffene nur noch wenige hundert Meter gehen und müssen dann stehen bleiben.

Woran erkenne ich, dass mich mein Arzt richtig behandelt?
Dr. Schröder: Der Arzt sollte sich für den Patienten Zeit nehmen, besonders dann wenn der Kreuzschmerz bereits zum ernsthaften Problem geworden ist. Es sollte keine Diagnose ohne Röntgendiagnostik (idealerweise Kernspin oder Computertomographie) gestellt werden, vorhandene Röntgenbilder sollten vom Arzt genau angeschaut werden, da er sehen muss, inwieweit der Befund mit den Beschwerden des Patienten zusammenpasst. Mit der Aussage »Sie haben sich halt einen Wirbel verrenkt« und einer nachfolgenden Spritze irgendwo in den Rücken bei einem Arzt-Patientenkontakt von 5 Minuten sollte sich kein Patient zufrieden geben. Auch die Aussage, »mit den Schmerzen müssen Sie halt leben«, kann in keinem Fall akzeptiert werden. Vorsicht ist bei Selbstzahlerleistungen geboten, die verzweifelten Patienten unter den fadenscheinigsten Begründungen häufig sehr teuer verkauft werden. So warnt die Bundesärztekammer mittlerweile zum Beispiel vor dem so genannten Racz-Katheter (Katheter, der vom Kreuzbein an den betroffenen Nerven vorgeschoben wird). Auch die in letzter Zeit in, den Medien propagierte Biospritze (Schmerzbehandlung mit aufbereiteten körpereigenen schmerzstillenden Substanzen) ist vom schulmedizinischen Standpunkt her als bedenklich einzustufen. Leider wird stark geschmerzten Betroffenen mit immer mehr »neuen Methoden« oder »minimal invasiven Methoden« auf vorgegaukeltem »höchsten technischen Standard« das Blaue vom Himmel versprochen. Oft wird hierdurch im günstigsten Fall nur der Geldbeutel des Patienten belastet. Viel schlimmer ist, das oft vor einer notwendigen Operation extrem ungünstige anatomische Verhältnisse geschaffen werden oder bis dahin unnötige Zeit vergeht und der Nerv viel zu lang unter Druck steht, was mit einem schlechteren Gesamtergebnis verbunden ist. Die Deutsche Gesellschaft für Neurochirurgie distanziert sich ausdrücklich von dieser Form von Medizin. Prinzipiell sollte bei allen angebotenen Selbstzahlerleistungen eine Zweitmeinung eingeholt werden. In Deutschland muss kein Patient für eine seriöse Kreuzschmerz- und Bandscheibenbehandlung etwas selbst bezahlen.

An welchen Arzt wende ich mich mit Kreuzschmerz- und Bandscheibenproblemen?
Dr. Schröder: Idealerweise an einen Facharzt für Neurochirurgie. Keine andere Facharztgruppe ist in der täglichen Praxis so häufig mit der Problematik Kreuzschmerz und Bandscheibenvorfall konfrontiert. Der Neurochirurg kennt die schwierige Anatomie am besten, hat immer eine fundierte mikrochirurgische Ausbildung und kann am besten beurteilen ob operiert werden sollte.

Wann sollte ein Bandscheibenvorfall operiert werden?
Dr. Schröder: Zunächst müssen die Beschwerden mit dem Befund auf den Röntgenbildern zusammenpassen. Wenn bereits neurologische Ausfälle (zum Beispiel eine Fußhebeschwäche) aufgetreten sind und der Befund eindeutig ist, so muss operiert werden. Ansonsten muss die Entscheidung vom Leidensdruck des Patienten abhängig gemacht werden wobei die berufliche und soziale Situation in die Entscheidung miteinbezogen werden muss. Idealerweise sollte dann operiert werden, bevor sich ein ernsthaftes Wirbelsäulenproblem anbahnt. Die Bandscheibenoperation genießt zu Unrecht den Ruf einer gefährlichen und undankbaren Operation. Es muss nur die Indikation stimmen. Gefährlicher ist es mit Zauberverfahren auf Selbstzahlerbasis wertvolle Zeit zu verlieren.

Welche Operationsverfahren gibt es bei Bandscheibenvorfällen?
Dr. Schröder: Standard ist heute die mikrochirurgische Operation. Durch das Operationsmikroskop hat man die beste Übersicht und kann den Zugang kleinstmöglich halten. Ohne Operationsmikroskop sollten keine Bandscheibenvorfälle mehr operiert werden. In einigen Fällen, besonders bei aus dem Nervenloch ausgetretenen Bandscheibenvorfällen, können Bandscheibenvorfälle auch endoskopisch (Schlüssellochprinzip) operiert werden.

Sollten auch ältere Patienten operiert werden, wenn der Befund eindeutig ist?
Dr. Schröder: Wenn ein großer Leidensdruck besteht in jedem Fall. Häufig ist dies bei älteren Patienten mit Verengungen des Wirbelsäulenkanals der Fall. Gerade ältere Patienten um die 80 Jahre verlieren sonst oft den Lebensmut und kommen nicht mehr aus dem Bett. Folgen sind häufig Lungenentzündungen, die den vorzeitigen Tod bedeuten können.

Welche minimal invasiven Therapie Möglichkeiten gibt es beim isolierten Kreuzschmerz?
Dr. Schröder: Häufig findet man Verschleißerscheinungen in mehreren Höhen. Es bieten sich hier verschiedene mikrotherapeutische Verfahren an. Vorsicht ist bei allen Verfahren geboten, bei denen der Patient selbst bezahlen muss. Ich führe in diesen Fällen gerne eine Spülung des Hauptnervenschlauches mit einem lang anhaltenden örtlichen Betäubungsmittel und einem hochwirksamen Kortisonpräparat mit dem so genannten PDA Verfahren durch. Bei etwa 50% der Patienten wird der Schmerz deutlich besser. Mit dieser Methode konnte ich auch schon jungen Spitzensportlern kurz vor einem wichtigen Wettkampf helfen. Kommt der Schmerz von den Zwischenwirbelgelenken so führe ich unter dem Computertomographen (CT) eine gezielte Ausschaltung der entsprechenden Gelenke durch. CT-gestützt kann man schmerzlindernde Injektionen millimetergenau an jede Stelle der Wirbelsäule platzieren. Heutzutage muss kein Mensch mit den Kreuzschmerzen leben.

Was ist ein Bandscheibenvorfall?
Der Bandscheibenvorfall (Discusprolabs) ist eine Verlagerung von Bandscheibengewebe. Wenn dieses verlagerte Bandscheibengewebe auf Nervenstrukturen drückt, kann ein ernsthaftes Problem entstehen. Es sollte dann ein Neurochirurg aufgesucht werden.
Informationen zum Thema Bandscheibenvorfall findet man im Internet unter anderem auf dem Info-Portal www.bandscheibe-aktuell.de

Was ist Neurochirurgie?
Die Neurochirurgie ist ein eigenständiges Fach mit eigener Weiterbildungsordnung und befasst sich mit chirurgisch behandelbaren Krankheitsbildern des Nervensystems. Neben der Operation von Hirntumoren, Verletzungen des Hirnschädels und Hirnblutungen beschäftigt sich der Neurochirurg hauptsächlich mit der Schmerztherapie an Wirbelsäule, Bandscheibenerkrankungen und Kreuzschmerzpatienten. Aufgrund der extrem schwierigen Ausbildung gibt es nur wenige Neurochirurgen, einige haben mittlerweile hochspezialisierte Facharztpraxen aufgemacht, in denen Patienten mit dem Volksleiden Kreuzschmerz und Bandscheibe auf dem höchsten Niveau behandelt werden.

Münchner Samstagsblatt, Nr. 27, 2005, Seite 11

 

 

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